Was ist passiert beim Zeichnen?

Karfreitag, Félix Vallotton, 1903 In ARTigo gibt es viele schöne Zeichnungen, die auf ihre Entdeckung warten und nach denen Sie über die Suchfunktion wunderbar suchen können.

Die Zeichnung ist ja etwas Besonderes, denn die Linien, mit denen der Zeichner eine Form, ein Objekt umreißt, gibt es nicht in der wirklichen Welt. Der Prozess, etwas Dreidimensionales in etwas Zweidimensionales umzuformen, erinnert mich an einen Text von Nanne Meyer, einer zeitgenössischen Zeichnerin:

„Pollo al diavolo

So nennt man ein Hähnchen, das zunächst mit gewaltigen Hieben platt geschlagen wird, um dann in ein schmackhaftes Tellergericht transformiert zu werden. Zeichen ist: etwas aus der dreidimensionalen Welt (z.B. ein Hähnchen) zu Papier bringen und damit platt machen und es auf diese Weise vom Leben ins „Papierleben“ zu transformieren. Hier Welt – da Zeichnung. Hier der Teufel – da die Kunst. Der Zeichner sitzt also immer zwischen zwei Stühlen, dem „wirklichen“ und dem gezeichneten. Er schöpft aus dem Zwischenraum, in dem er sitzt. Er könnte Stift und Stuhl miteinander tanzen lassen. Ein gezeichneter Stuhl hat gegenüber dem „wirklichen“ den Vorteil, dass man ihn ohne Anstrengung stets unauffällig mit sich herumtragen kann, eine latente Möglichkeit zu sitzen (Möglichkeit = Wirklichkeit). Zudem lässt er sich bei Bedarf mühelos zusammenfalten, selbst wenn es sich nicht um einen Klappstuhl handelt. Das grenzt an Zauberei. Teufel und Zeichner reichen sich die Hand bzw. der Zeichner bietet dem Teufel seinen Stuhl an.“

Literatur:

Zitat: ”Nanne Meyer. Zeichnung”, Ostfildern (Cantz) 1995

Bild: ARTigo
Félix Vallotton: Karfreitag (protestantisch) oder Der Truthahn, Illustration für die Zeitschrift „Le Canard sauvage“, 11. April
Lausanne / Galerie du Chêne, 1903

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