Das Analoge ist tot – Es lebe das Digitale!

Vor kurzem war an der LMU ein ziemlich abgefahrener Vortrag zu hören: „Der Big Bang digitaler Bildlichkeit“ von Gundolf S. Freyermuth, seines Zeichens ein hervorragender Medientheoretiker aus NRW, der mit seiner Forschung volle Sahne den Zeitgeist der aktuellen Debatte über die Digitalisierung unserer Gegenwart trifft. Knapp 60 Minuten lang referierte er über den Wandel vom analogen zum digitalen Zeitaler. Und da der 55-Jährige auf unsere Bemühungen hin ins ferne München gelockt wurde, folgt nun eine knappe Zusammenfassung seiner Thesen. Ausführlicheres zu diesem Thema findet Ihr hier.

Freyermuth vertritt die Auffassung, dass unseren Bildraum der große Urknall, der Big Bang, erwartet. Mit Bildraum ist dabei die Umgebung gemeint, in der wir mit Bildern aller Art konfrontiert werden, im klassischen Sinne: Im Theater, im Kino, vor dem Fernseher oder im Museum vor einem Gemälde. Kennzeichnend dabei ist, dass bislang unser Sehen in der analogen Moderne vor allem von Separierung und Distanz geprägt ist. Separierung etwa durch die Glasscheibe des Röhrenfernsehers, oder durch den Vorhang beim Theater oder beim Kino. Zudem setzen unsere (analogen) Sehgewohnheiten stets eine gewisse Distanz zwischen Subjekt und Objekt voraus, etwa aufgrund technischer Bedingtheit (bei alten Fernsehern) oder durch die räumliche Situation (wie etwa im Kino).

Die digitale Moderne bricht nun mit diesen Traditionen, aus Separierung wird Integration, aus Distanz wird Immersion: Die 3D-Technik bringt uns Bilder im wahrsten Sinne des Wortes entgegen, Tablet-PCs lassen uns Bilder und Videos „anfassen“ und in Echtzeit manipulieren, in modernen „not-so-linear“ Mitspielfilmen à la Alan Wake wird uns eine vom Spieler beeinflussbare Story-Entwicklung zumindest vorgegaukelt. Kurz: Moderne Technik ermöglicht es, tradierte Begrenzungen zu überwinden, die interaktive Welt verschmilzt mehr und mehr mit der virtuellen. Ein neues „Medium“ entsteht.

Die Dekonstruktion des sich in der Krise befindenden analogen Bildraumes hat also begonnen. Laut Freyermuth befinden wir uns im Rahmen der Digitalisierung unserer „neuen Medien“ momentan in der dritten und letzten Phase einer Entwicklung, die auch andere Medien durchlebten:
1. Experimentelle Enwicklung (z. B. im Film: George Lucas‘ erste Anstrengungen, digitale Technik unter analogen Rahmenbedingungen zu verwenden)
2. Rationalisierung (im Film: digitale Verfahren ermöglichen günstigere Produktionen)
3. Innovation (im Film: aktuelle 3D-Technik, die versucht, den analogen Bildraum zu dekonstruieren)

So weit, so kurz, so kompliziert. Sollte sich in naher oder ferner Zukunft für Euch die Möglichkeit bieten, sich mal einen Vortrag von Dr. Freyermuth reinzuziehen, kann ich das nur wärmstens empfehlen. Allein seine sehr coole, den Vortrag begleitende Powerpoint-Präsentation ist ein kleines Feuerwerk der Ästhetik. Zum Schluss soll der Referent hier selbst noch zu Wort kommen. Als Ausblick auf die uns zu erwartenden Entwicklungen nach dem Big Bang der digitalen Bildlichkeit bleibt seiner Meinung nach festzuhalten:

„Auch nach dem ‚Big Bang‘ digitaler Bildlichkeit, der Implosion des analogen Bildraums in der tiefenlosen Touch-Tafel und seiner Explosion im digitalen 3D lockt so weiterhin wie seit Jahrzehnten – immer noch und immer mehr – am Horizont die Utopie des Holodecks: das Versprechen taktiler Interaktion mit immersiven 3D-Narrationen.“

Dieser Beitrag wurde unter ARTigo veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Das Analoge ist tot – Es lebe das Digitale!

  1. Pingback: Die Dekonstruktion des analogen Bildraumes – Gollum gefällt das! | play4science

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.