Die dunklen Seiten des crowdsourcing

Beim Durchforsten einiger Bilder samt zugehöriger Annotationen habe ich zuletzt eine eingermaßen unschöne Entdeckung gemacht. Manche der vor allem frühneuzeitlichen Bilder aus höfischem Kontext, in denen schwarze Diener oder auch Sklaven dargestellt waren, hatten einige unserer Mitspieler mit dem Begriff „Neger“ getaggt. Es dürfte unbestritten sein, dass dies ein heute vollkommen unmöglicher, weil rassistischer Sprachgebrauch ist. Ich bin mir auch sicher, dass dieses jedem einzelnen, der den Begriff getaggt hat, bewusst ist, und dass er/sie im alltäglichen Sprachgebrauch  sich des Begriffs niemals bedienen würde. Beim Taggen von Bildern scheint das etwas anderes zu sein: Wenn man Punkte machen kann, gibt es keine sprachliche Zurückhaltung, außerdem fühlt man sich vielleicht auch geschützt vom Deckmantel der Anonymität. Was tun? Sollen wir die tags löschen? Durch andere ersetzen? Unsichtbar machen? Sie erinnern sich sicherlich an die Diskussion zu dem Kinderbuchautor Ottfried Preußler, die noch gar nicht so lange zurückliegt. Der hatte das Wort „Neger“ so verwandt, wie das bei seinen Zeitgenossen üblich war. Und was machen wir, wenn wir aus seinen schönen Geschichten unseren Kindern vorlesen? Auch in diesem Fall gar nicht so einfach zu entscheiden. Bei uns prallen Dokumentationsbedürfnisse einerseits, andererseits aber das Bestreben, einen tendenziell rassistischen Sprachgebrauch zu verhindern, aufeinander. Ich bin auf Ihr Urteil gespannt.

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6 Antworten auf Die dunklen Seiten des crowdsourcing

  1. Gast sagt:

    Etwas ähnliches bei „Zigeuner“?

  2. keimelion sagt:

    Ich plädiere doch auch nicht für eine Zensur. Wie wären aber „Dokumentationsbedürfnisse einerseits und andererseits das Bestreben, einen tendenziell rassistischen Sprachgebrauch zu verhindern“, zu vereinbaren? Nur indem man sich von rassistischen Äußerungen distanziert.

    „Neger“ ist doch nicht viel schlimmer als „Weib“, wenn ich das richtig sehe. Als Suchergebnis bekommt man aber nicht jedes Bild, in dem Frauen abgebildet sind, zu sehen, sondern nur eine kleine Anzahl von vorwiegend religiösen Gemälden. Wenn mit „Neger“ getaggten Bilder auch unter „Schwarze“, „Diener“ oder/und „Sklaven“ zu finden sind, brauchen sie vielleicht nicht für alle und unter dem rassistischen Begriff zu finden sein.

  3. Franz Hefele sagt:

    Ich gebe jetzt einfach einmal ganz unumwunden zu: der Begriff kommt einem tatsächlich in den Sinn, wenn man taggt. Freilich würde man den Begriff jedoch nie im Alltag verwenden. Vom rein wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen, ist es aber doch nicht nur interessant, sondern auch relevant, festzustellen, dass die Spieler diesen Begriff mit den angesprochenen Bildern assoziieren. Ich würde es daher für falsch erachten, ihn zu sperren. Gerade auch, weil man, wie ich meine, unterscheiden sollte: der Begriff ist im Rahmen des heutigen Sprechens zurecht tabu, aber: er gehört ins historische Repertoire der Sprache und er gehört in einem gewissen Sinne auch zur Geschichte dieser Bilder. So reflektiert würde ich dafür plädieren, nicht zu zensieren. Die Problematisierung solcher Begriffe sollte in meinen Augen in der Auseinandersetzung mit ihnen und nicht durch Zensur geschehen.

  4. Gast sagt:

    Als Ratender versuche ich den Erwartungen zu entsprechen, das heißt jeden Begriff zu berücksichtigen, den irgendjemand anderes genannt haben könnte. Dafür werde ich ja auch mit Punkten belohnt. Mit jemand anderem ein Spiel zu spielen bedeutet immer auch einen Wettkampf. Jeder Spieler, der das Bild tatsächlich mit „Neger“ taggt, entspricht nur dem Wettkampfcharakter des Spiels, und mag sich zu dem durch den historischen Kontext des Bildes und dem zeitgenössischen Sprachgebrauch dazu legitimiert fühlen.

    Zudem geschieht es für einen höheren Zweck, nämlich im Dienst der Wissenschaft, und in diesem großen Rahmen sind Menschen bereit sich über ihre gewohnte Moral und ihr gewohntes alltägliches Verhalten hinwegzusetzen (Milgram), im Vertrauen darauf, dass die betreuenden Wissenschaftler die Testumgebung verantwortungsvoll gestalten und mit solchen Ergebnissen umzugehen wissen.

  5. keimelion sagt:

    Dokumentationsbedürfnisse erfüllen, heißt doch nicht, dass alle Begriffe auch als Suchbegriffe freigeschaltet werden müssen. Wenn das technisch geht, dann würde ich fragwürdige Begriffe einfach für Suchende sperren lassen. Für wissenschaftliche Zwecke kann man als Suchender auch die Redaktion anschreiben.

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